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Handgranaten-Skandal, Pistole am Verhandlungstisch: Diese irre Geschichte steckt hinter Sheriff Tiraspol | DAZN News Deutschland

Die Presse überschlug sich mit Wortspielen, das Netz feierte es als den größtmöglichen Coup, überall tauchten Fotos von erfolgreichen Wettscheinen auf, die aus wenigen Euro Einsatz ein Monatsgehalt machten. Ja, da waren sich Zuschauer und Experten einig: Der 2:1-Sieg des FC Sheriff Tiraspol bei Real Madrid war so wahrscheinlich wie die deutsche Meisterschaft für Jahn Regensburg. Der Vergleich ist angebracht, vereint Tiraspol und Regensburg mit rund 22 Millionen Euro schließlich ein nahezu identischer Kaderwert. Damit liegt das gesamte Team des moldauischen Serienmeisters nur zwei Millionen Euro über dem Jahresgehalt von David Alaba. Auf das weiße Ballett prasselten Häme und Spott ein, die spanische Sportzeitung Mundo Deportivo titelte: "Vom Sheriff verhaftet!"

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Dabei sind es nicht nur die nackten Zahlen rund um Sheriff Tiraspol, die den Sieg so unglaublich erschienen ließen, sondern vor allem die Werdegänge der Spieler. Da ist zum Beispiel ihr Torwart Giorgos Athanasiadis, der es nie zu einem größeren Klub schaffte. Nach Stationen in der griechischen Liga landete er bei AEK Athen, wo er seinen Stammplatz verlor und schließlich nach Tiraspol verliehen wurde. In Madrid hielt der 28-Jährige schier Unhaltbares und avancierte zum Helden. Oder Sébastien Thill, Siegtorschütze im Bernabéu. Ausgeliehen vom luxemburgischen Erstligisten Progrès Niederkorn, hatte es der Mittelfeldspieler bis dato nur durch eine Autofahrt mit 2,5 Promille inklusive Unfall und Fahrerflucht in den Fokus der Öffentlichkeit geschafft.

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Der Star ist nicht die Mannschaft

Sportlich gesehen gleichen die zwei Siege in der Champions League also wahrlich einem Wunder. Ein Team voller Paradiesvögel, immer auf der Lauer nach neuen Verträgen und lukrativen Zwischenstopps. Viele von ihnen stammen aus Afrika und Südamerika, die Bühne Europa erreichten sie nicht durch den Künstlereingang, sondern per Lastenaufzug. Es spricht für den Trainer Yuriy Vernydub und seinen Stab, aus einem solchen Potpourri an Kulturen und Mentalitäten ein erfolgreiches Team zu formen. So könnte man eine alte Huub-Stevens-Weisheit auspacken und sagen, dass die Mannschaft der Star sei. Doch die Rechnung geht aufgrund eines Superstars im Hintergrund nicht auf.

Denn hinter dem mit Lobeshymnen überhäuften Underdog steckt kein Fußballmärchen zum Verlieben, sondern die Schattenwelt eines mächtigen Mannes: Victor Gusan. Dem 59-jährigen Oligarchen und Präsidenten des Klubs gehört, gemeinsam mit seinem Kumpanen Ilja Kasmaly, der Konzern Sheriff - in Anlehnung an ihre früheren Tätigkeiten als KGB-Agenten und Polizisten. Gusan gründete das Unternehmen im Dickicht des politischen Umbruchs Anfang der neunziger Jahre. Nach dem Fall der Sowjetunion kam es zu Auseinandersetzungen zwischen prorussischen Separatisten und der neugeborenen Republik Moldau, aus denen das unabhängige Transnistrien mit der Hauptstadt Tiraspol hervorging. Der Staat, so groß wie das Saarland, wird bis heute nicht als solcher anerkannt, hat aber eine eigene Regierung, Währung und Militär. Die Macht im Land aber hat Gusan, seinem Konzern gehören Tankstellen, Supermärkte, Telekommunikation und Medien. Auch Schmuggelware soll dabei eine erhebliche Rolle spielen, der Hafen Odessas ist nur hundert Kilometer von Tiraspol entfernt, ein sicherer Spot für Piraten und illegale Händler. Hier, wo nur gefälscht echt ist, befindet sich in einer Trabantenstadt aus Containern der größte Schwarzmarkt Europas. Das würde zumindest erklären, warum Transnistrien 35-mal mehr Zigaretten importiert, als die Bevölkerung raucht.

Keine Herzensangelegenheit

All das funktioniert für Gusan nur mit politischer Narrenfreiheit. Der Großteil der Abgeordneten, darunter auch sein Sohn Jewgeni, sind in seiner Holding Sheriff verzweigt. In Deutschland stand der Anhänger Putins erstmals im Rampenlicht durch einen Beitrag von Frontal21 . Demnach hatte die Sheriff angehörige und in Wiesbaden ansässige TV-Firma "Kartina Digital" vor der Bundestagswahl 2017 Wahlwerbung für die AfD über russische TV-Programme verbreitet. Russlandexperte Wilfried Jilge von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik sieht in der "Pseudorepublik" Transnistrien einen "Vorposten in Putins russischer Welt".

Sheriff Tiraspol Real Madrid celebration

Auch die organisierten Fangruppen des FC Sheriff sind prorussisch eingestellt, immer wieder skandieren sie "Russia! Russia!" oder singen während der Partien die russische Nationalhymne. Der Klub selbst ist in diesem Geflecht nur ein weiterer Spielball geopolitischer soft power. Beobachter sprechen bezüglich der Intention des Mäzens indes immer wieder von "Sportwashing", der Verbesserung des Ansehens des Landes durch sportliche Attraktivität. Mit solchen Bestrebungen gleichen Tiraspol und Transnistrien Ländern wie Katar oder Aserbaidschan, von einer vereinsbezogenen Herzensangelegenheit ist der FC Sheriff weit entfernt.

Explosive Attrappen

Das Besondere dabei ist, dass Gusan für solche Bestrebungen keine hochdekorierten Stars braucht, wie sie in Manchester oder Paris auflaufen. In der moldauischen Liga reicht für den Gewinn des Titels bei nur acht Mannschaften ein verhältnismäßig niedriges Budget. In den letzten 21 Saisons gewann der Klub 19-mal die Meisterschaft, in puncto nationaler Dominanz ist der FC Bayern München dagegen nahezu launisch. Und damit die ganze Sache auch so bleibt, hob die moldauische Liga jüngst das Ausländer-Limit auf, sodass der FC Sheriff seine finanziellen Privilegien nutzen und weltweit auf Einkaufstour gehen konnte.

Dabei hatten Transfers bei Gusan nicht immer den Charakter gewöhnlicher Shopping-Touren. Der ehemalige Mittelfeldspieler Florin Motroc, vor Tiraspol auch für Rapid Bukarest aktiv, schilderte gleich zwei bleibende Momente mit Gusan. Einmal war der Oligarch mit der Leistung des Teams unzufrieden und polterte los, ehe er den Stiel einer Handgranate herauszog und den Sprengkörper in Richtung Mannschaft schmiss. Eine Attrappe, um die Mannschaft wachzurütteln. Ein anderes Mal sollte Motroc seinen rumänischen Landsmann Marian Aliuță nach Tiraspol locken. Das Talent stand mit seinen zwanzig Jahren noch am Anfang der Karriere und war von der Attraktivität der moldauischen Liga nur wenig begeistert. Nach einigem Hin und Her und diverser Druckgebärden fand sich der vermittelnde Motroc in einem Raum mit Gusan wieder. Auf dem Tisch lagen Bargeld und eine Pistole. Vom Sheriff verhaftet sozusagen.

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